Gelassene Vorsicht

Die schwedische Grundhaltung finde ich enorm sympathisch, auch wenn das Vorgehen im Einzelnen nicht ganz ausbalanciert sein mag. Man spürt in Schweden ein Vertrauen zwischen den Bürgern sowie zwischen Bürgern und Behörden, das in Deutschland leider fehlt. Sicher ist es entschieden zu lax, wenn auch am heutigen 03.04.2020 von der schwedischen
Public-Health-Agentur noch keine Quarantäne bei Erkrankungen innerhalb der Familie empfohlen wird. Prinzipiell ist es jedoch der einzig demokratische Weg, Empfehlungen auszusprechen und auf gesetzlichen Zwang zu verzichten. Eine Eindämmung viraler Infektionen funktioniert auch dann sehr gut, wenn die empfohlenen Maßnahmen überwiegend, nicht unbedingt lückenlos eingehalten werden.

Obwohl die Mitläufer Nazideutschlands aussterben und die übereifrigen DDR-Bürger sich in die Passivität des Alters verabschieden, ist die deutsche Mentalität labil, prekär, dies schlägt sofort auf die gesellschaftliche Verfassung durch. Die Decke der deutschen Zivilisation ist dünn, darunter lauert Diederich Heßling, der auftrumpfende deutsche Untertan.

Ihm arbeiten derzeit die mit typisch deutscher Liebe zum bürokratischen Detail erlassenen Verordnungen zur Bekämpfung oder Eindämmung Coronavirus-Epidemie zu.

Mit diesen Verordnungen wird das Systemversagen, eingeschleppte Infektionen gezielt zu verfolgen und ihre Ausbreitung damit zu unterbinden, in Stärke staatlichen Handelns umgemünzt. Die Schattenseite ist, dass alle Bürger unter Generalverdacht gestellt
werden, Coronavirus-Verbreiter zu sein, obwohl weiterhin nur eine verschwindende Minderzahl der Bevölkerung positiv getestet wurde und keine Zweifel bestehen, dass die angeordnete Quarantäne der positiv Getesteten und ihrer engen Kontaktpersonen befolgt wird.

Die COVID-19-Verordnungen sind Ausdruck staatlichen Mißtrauens in die deutsche Bevölkerung und Gesetze zur Gängelung und Disziplinierung der Bürger, deren Akzeptanz durch die Schürung von Panik und Hysterie erreicht wird. In dieser Atmosphäre blüht Diederich Heßling als deutscher Volkscharakter wieder auf.

Auch ich halte strenge Regeln der Hygiene und des Abstandhaltens in der derzeitigen Situation für sinnvoll, zu denen wir uns gegenseitig ermahnen sollten, auch wenn sich im Normalfall Menschen begegnen, die bisher keinen Kontakt mit COVID-19 hatten, die Wahrscheinlichkeit des Kontakts mit einem SARS-CoV-2-Ausscheider sehr gering ist.

Aber bitte: mehr gelassene Vorsicht, weniger Polizei und Ordnungsamt.
Wir sind keine Verseuchten, die für andere eine potenziell tödliche Gefahr darstellen, und sollten uns konsequent gegen diese generelle Unter-Verdacht-Stellung wehren.

[Kommentar auf aerzteblatt.de am Freitag, 3. April 2020, 15:35 von Claus Günther]